Es amüsiert mich immer wieder, wie ein Wort aus unserer eigenen Tradition heute fast nur noch fragende Blicke auslöst. Der Sukkubus. Dieser Name ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten, denn hinter ihm verbirgt sich eine ganze Welt dunkler, verführerischer Fantasien.
Vor einigen Wochen galten meine Gedanken der slawischen Russalka, die auf zwei schönen Beinen aus dem Schilf tritt und in das dunkle Wasser lockt. Nun zieht es mich zu ihrem westeuropäischen Gegenstück, einer Verführerin, die das kalte Wasser meidet und stattdessen die Wärme zerwühlter Laken, das Halbdunkel des Schlafzimmers und die greifbare Nähe sucht.
Eine wunderbare Ironie liegt schon in der Herkunft des Wortes. Es stammt vom lateinischen succubare, was schlicht unten liegen bedeutet. Und damit wären wir schon bei einer besonders pikanten alten Legende. Noch vor der braven Eva gab es an Adams Seite eine erste Frau namens Lilith, geformt aus derselben Erde wie er. Im Paradies hatten die beiden allerdings ein entscheidendes Problem im Bett: Sie wurden sich einfach nicht einig, wer beim Sex oben und wer unten liegen sollte. Für Liliths feuriges Temperament war eine einzige, brave Pose viel zu langweilig. Sie wollte nicht immer nur unter ihm liegen, sondern verlangte Abwechslung und das ganze Spiel der Lust. Also verließ sie das Paradies für das schwüle Ufer des Roten Meeres, woraufhin Adam für den Hausfrieden die folgsame Eva aus seiner Rippe geschnitzt bekam. In der biblischen Geschichte von Adam und Eva fand Lilith zwar keinen Platz, doch aus den Köpfen der Männer ließ sie sich nicht mehr verbannen.
Sie wurde zur Urmutter aller Sukkubi und erinnert in ihrer freien Sinnlichkeit an die edlen Kurtisanen späterer Zeiten, die für die reine Lust jenseits des Alltags standen.
Selbst die gestrengen Inquisitoren beschäftigten sich im berüchtigten Hexenhammer, dem mittelalterlichen Handbuch zur Hexenjagd, mit diesen Nachtdämoninnen. Und zwar mit einer fast schon verdächtigen Hingabe. Man stellte sich vor, wie ein Sukkubus bei Nacht in das Schlafzimmer eines Mannes gleitet und genau die Gestalt jener Frau annimmt, von der er heimlich träumt. Ein elegantes Alibi für die Männerwelt. Wie süß und betörend muss dieses nächtliche Rendezvous gewesen sein, wenn das schwere Atmen, die angenehme Erschöpfung am Morgen und die Spuren einer durchliebten Nacht mit einer geflügelten Besucherin erklärt werden mussten, der kein Sterblicher widerstehen konnte.
Auch Goethe kannte diesen Zauber, als Mephistopheles in der Walpurgisnacht den faszinierten Faust warnte:
Lilith ist das.
Adams erste Frau.
Nimm dich in Acht vor ihren schönen Haaren,
Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.
Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,
So lässt sie ihn so bald nicht wieder fahren.
Während mir meine eigenen langen, dunklen Haare über die Schultern gleiten, muss ich unwillkürlich lächeln. Manche nächtlichen Fantasien brauchen weder alte Ausreden noch den tiefen Schlaf, weil sie sich hinter verschlossenen Türen und mit weit geöffneten Augen noch viel intensiver anfühlen.
