warum manche den Begriff Sexarbeit hassen

1

Immer wieder sieht man ein Stirnrunzeln oder liest einen bissigen, ablehnenden Kommentar, wenn es um den Begriff der Sexarbeit geht. Der Begriff wird von vielen als absoluter Abturner wahrgenommen, auch in der Selbstbezeichnung mancher Escorts und in der Wahrnehmung vieler Kunden, die den Begriff deutlich ablehnen.

Richtig ist aber, dass es sich um einen politischen Begriff handelt, der in Deutschland noch relativ jung ist und erst in den Vereinigten Staaten seit den 70er Jahren Verbreitung fand. Der Begriff wurde von der Sexwork Aktivistin Carol Leigh ins Leben gerufen und hatte mehrere Gründe.

Der Begriff und seine Geschichte

Zum einen wollte man sich vom Begriff Prostitution absetzen, da Prostitution durch Kriminalisierung und Stigmatisierung weltweit geprägt und für politische Ziele und Forderungen damit unbrauchbar ist. Ausserdem bezeichnet der Begriff Sexwork in den US ursprünglich alle Tätigkeiten in der Erotik Branche, also ebenfalls die Arbeit in Strip Clubs oder in der Porno Branche. Es ging also immer darum, über diese Bezeichnung möglichst viele Interessen in der Sex Branche zu mobilisieren, zu vertreten und politische Forderungen durchzusetzen.

In Deutschland ist der Begriff nicht so populär und weit verbreitet. Auch in dem neuen Gesetzestext zum sogenannten Prostituiertenschutzgesetz wird nicht von Sexarbeit, sondern von Prostitution gesprochen.

Ziel: mehr Rechte und gute Arbeitsbedingungen 

Warum war und ist der Begriff so wichtig? Es geht darum, die Interessen von Leuten in der Sexbranche zu vertreten und politische Ziele einzufordern. Das dies mit dem neuen Prostituiertenschutzgesetz nicht wirklich gelungen ist, liegt daran, dass die Sexbranche allgemein als schmuddelig wahrgenommen wird und keine starke Lobby hat und damit eine breite Interessenvertretung fehlt, die alle Partner in der Branche einbezieht. Ausserdem gibt es grösstenteils unterschiedliche Interessen, was die Rollen in der Branche betrifft. Es gibt die Betreiber des Sex Gewerbes mit ihren hauptsächlich geschäftlichen Interessen und die SexarbeiterInnen mit ihren jeweiligen Interessen, sprich: gute, faire und gesunde Arbeitsbedingungen und Rechtssicherheit. Manchmal gibt es Überschneidungen, wenn Personen sowohl Betreiberinnen als auch Sexarbeiterinnen sind.

Das leidige Thema Stigma

Allgemein denkt man auch nur an die Frauen, die in der Branche mehrheitlich arbeiten, kaum an die Männer, Stricher und Callboys, die ebenfalls eigene Interessen haben. Hinzu kommen die Interessen von Migrantinnen und transgender Personen, die meist wenig Mitsprache bei der Artikulation ihrer Interessen haben. Sie sind, so sagt man heutzutage, „mehrfach stigmatisiert“, das bedeutet, dass sie neben ihrer Sexarbeit häufig aufgrund von Herkunft und/oder sexueller Orientierung zusätzlich ausgegrenzt sind. Hinzu kommt, dass sich in der Sexbranche ein Klassensystem widerspiegelt: eine High Class Escort Lady wird sich im Regelfall nicht mit Problemen am Strassenstrich identifizieren können und eine Hobbyhure, die nur nebenbei etwas Taschengeld verdient, hat eher wenig Interesse aus ihrer Anonymität herauszutreten und sich politisch für die Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit zu engagieren.

Anders als in den USA sind laut dem neuen Gesetz in Deutschland die Stripperinnen, Table Dancer und (Amateur) Porno Filmer und Darsteller vom Begriff der Prostitution/Sexarbeit ausgenommen, da diese Jobs darstellerischen Charakter haben und nicht unter das neue Prostitutiertenschutzgesetz fallen.

Wenn eine Escort sich selbstbewusst als Hure oder Sexarbeiterin bezeichnet, dann ist sie im Regelfall politisch interessiert oder engagiert und fordert gute Arbeitsbedingungen und die Anerkennung ihrer Rechte und die ihrer Kolleginnen ein.

der Begriff ist unsexy, aber…

Wenn der Begriff also manchen aufstösst, dann liegt es wohl daran, dass er nicht sonderlich werbefördernd ist. Wenn eine Escort Dame sich als Sexarbeiterin bezeichnet, ist es offenbar besonders für jene verstörend, die im Paysex keinen Job, sondern eine Illusion sehen, die kaum als Arbeit wahrgenommen wird. Hier werden einfach die Ebenen verwechselt, ob absichtlich oder unbewusst, mag ich nicht beurteilen. Nur klar ist, dass Sexarbeit oft nicht zum werbeförderlichen Image einer Hobbyhure passt, die das alles nur nebenbei und auch nur zum Spass macht.

Diese Auffassung schadet jedoch dem Aufbau einer breiten Interessenvertretung, die auch Kundeninteressen einschliesst. Denn nur durch die so wichtige politische Arbeit, kann sich überhaupt eine schlagkräftige Interessenvertretung bilden, die tatsächlich auch alle Interessen in der Branche einbezieht. Das dies nicht der Fall ist, liegt natürlich auch an dem Stigma, mit dem Sexarbeit behaftet ist und warum man sich als Escort häufig auch nicht positiv mit dem Begriff der Sexarbeit identifizieren kann.

Politischer Kampf ohne Lobby

Also eine Bitte an all jene, die dem Begriff kritisch gegenüberstehen: wo es keine gemeinsame Interessenvertretung gibt, gibt es weder Macht noch Lobby und Ziele können kaum erreicht werden. Darum ist es so wichtig, sich der internationalen Bewegung von SexarbeiterInnen anzuschliessen, damit ihnen Gehör verschafft wird und sie bei politischen Entscheidungen einbezogen werden. Darum unterstützt Eure Aktivistinnen und lokalen Ansprechpartnerinnen, die sich auch für Eure Rechte einsetzen. Nur gemeinsam ist man stark. Wer den Begriff der Sexarbeit ablehnt, arbeitet letztlich auch gegen eigene Interessen. Dass auch Kunden Gehör finden müssen ist ebenfalls klar. Man denke nur an die Freierbestrafung und Sexkaufverbot in mittlerweile vielen Ländern (Kanada, Irland und Nordirland, Island, Schweden, Norwegen, Frankreich, Israel)  sowie weltweite Prostitutionsverbote wie in den USA, wo die Szene massiver Entrechtung ausgesetzt sind, Kunden wie SexdienstleisterInnen, Betreiber von Bordellen oder Werbeportalen verhaftet werden. Darum ist es wichtig, über den Begriff der Sexarbeit zu sprechen und Leute, die sich in der Branche engagieren, zu unterstützen. Oder wollt Ihr bald auch ein Sexkaufverbot wie in Schweden? Nichts wird so bleiben wie es ist, alles ist Veränderung, wie auch das neue Prostituiertenschutzgesetz enorme Veränderungen für die Branche mit sich bringt.

Wenn Ihr selbst kein Gesicht zeigen könnt, dann seid doch so nett und unterstützt Organisationen und Vereine, die sich für die Rechte von SexarbeiterInnen in Deutschland engagieren:

BesD https://berufsverband-sexarbeit.de
BSD http://www.bsd-ev.info
Bufas http://www.bufas.net
Dona Carmen https://www.donacarmen.de
Kampagne Sexarbeit ist Arbeit https://www.sexarbeit-ist-arbeit.de

Geniesst Eure Dates und denkt mal drüber nach, dass sich ein geiles Erlebnis nicht mit Arbeit ausschliesst. Schliesslich sollten ja alle daran interessiert sein, dass alle Escorts und Teilnehmer in dieser Branche gut und fair behandelt werden.

Teilen.

1 Kommentar

Ein Kommentar schreiben