Sexarbeit kann erfüllend sein und sich finanziell lohnen – aber auch sehr anstrengen und auslaugen. Hier findest Du Ideen, wie Du gut für Dich sorgen kannst und im Job in Balance bleibst.
Der BesD e.V. vertritt die Interessen von Sexarbeitenden in Deutschland. In diesem Beitrag geht es darum, wie wichtig mentale Gesundheit und Selbstfürsorge in unserem Berufsalltag sind, und wie wir gut für uns sorgen und stark bleiben können.
Viele von uns, die schon länger in der Branche sind, wissen, wie herausfordernd dieser Job sein kann. Oft sind wir eine One-Woman- oder One-Man-Show: Wir kümmern uns um Termine, Werbung, Homepage, Social Media, Buchhaltung - und gehen in intensiven Kontakt mit unseren Gästen/Kund*innen. Wir erfüllen Wünsche, sind präsent, empathisch und halten dabei trotzdem eine professionelle Distanz.
Körpereinsatz, Emotionsarbeit und berufliche Selbstständigkeit zu jonglieren, das kann ganz schön viel werden. Darum ist es bei der Sexarbeit und ähnlichen Dienstleistungsberufen so wichtig, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen - wer sein Wohlbefinden zu wenig im Blick hat, schlittert langfristig ins Burn-Out. Hier findest Du Anregungen, die Dir helfen können, in Balance zu bleiben.
Die Wochen rund um Weihnachten und Silvester können besonders herausfordernd sein - ob Sexworker oder nicht, es ist eine Zeit, in der sich sehr viele Menschen einsam oder überfordert fühlen, in der schwelende Konflikte und Probleme gerne explodieren.
Nicht jeder kann oder will diese Zeit mit Familie, Partner*in oder Freundeskreis verbringen. Einige arbeiten durch - ob bewusst oder aus Notwendigkeit. Auch das ist völlig okay.
Feiertage können alte Themen in Dir hochbringen: Einsamkeit, Sehnsüchte, Stress mit der Familie, das Gefühl außen vor zu sein.
Falls es Dir so gehen sollte: Du bist nicht allein damit!
Vereinsamung ist ein häufiger Stressfaktor in der Sexarbeit. Nicht alle haben einen Freundeskreis oder Familie, wo sie offen über ihren Beruf sprechen können - das kann isolieren und auf Dauer belasten. Suche Dir Menschen, mit denen Du ehrlich sein kannst - im realen Leben oder online!
Gerade der Austausch mit anderen Sexworker*innen ist oft Gold wert: Netzwerke, Stammtische oder Foren können enorm entlasten und neue Perspektiven eröffnen. Kolleg*innen können Probleme die mit der Arbeit zu tun haben in der Regel besser nachvollziehen und Dir mit eigenem Erfahrungsschatz beistehen. Manchmal hilft es auch einfach, jemanden zum Zuhören oder Ausheulen zu haben, der keine Vorurteile gegen Deinen Job hat. Manchmal braucht es mehr - zum Beispiel Unterstützung durch eine Beratungsstelle oder eine*n Therapeutin*en.
Mach Deinen Kunden klar, worin Dein Angebot besteht und worin nicht. Nur Du entscheidest, was Du anbietest. Auch während eines Termins ist es völlig okay, „Nein“ zu sagen, wenn Dir etwas nicht gut tut oder Du spürst, dass eine Grenze erreicht ist.
Praxistipp: Ein guter Trick um auf Deinem Körper herumirrende Kunden mit Deinem „Nein“ nicht vor den Kopf zu stoßen ist, gezielt Alternativen anzubieten, die Du selbst bevorzugst. Z.B. Hand nehmen und dorthin führen, wo Du sie haben willst. Dabei verbal verstärken: „Hier werde ich am liebsten angefasst“ oder „Das fühlt sich so geil an wenn Du das machst“. Falls das nicht klappt, kannst Du noch immer deutlicher werden. Sobald Du für Dich rausgefunden hast, was Du gut oder okay findest, was Du auf gar keinen Fall machen willst und was Du nur fallweise oder gegen fette Extra-Bezahlung anbietest, spart Dir das jede Menge Energie in der Kommunikation.
Was auch vielen Kolleg*innen gut tut: Trenne, so gut es geht, zwischen Arbeit und Freizeit. Schalte das Arbeitshandy aus, wenn Du Feierabend hast, nimm Dir bewusst Pausen. Auch persönliche Rituale nach oder zwischen Terminen - zum Beispiel Duschen, raus aus dem Leder-Catsuit und rein in die Jogginghose, eine bestimmte Playlist hören oder um den Block laufen – unterstützen dabei, aus dem Arbeits- in den Privatmodus zurückzukehren. Manchen Sexworkern hilft es auch, eine klare „Arbeitsrolle“ für sich zu erfinden - eine Persona oder Identität die sich gar nicht oder nur teilweise mit ihrer Identität als Privatperson überschneidet.
Praxistipp: Die Erfahrung zeigt, dass man durch klare Kommunikation vor und in Terminen/Dates immer ein paar Kunden „verliert“. Aber in der Regel gewinnt man dafür Kunden dazu, die weniger drängeln und sich besser an Anweisungen halten. Es lohnt! Wer seine eigenen Bedürfnisse kennt und danach handelt, arbeitet langfristig sicherer und zufriedener.
Selbstfürsorge ist für eine lange Karriere in dieser Branche Grundvoraussetzung: Dein Körper und Dein Geist sind Dein wichtigstes Arbeitsmaterial.
Ausreichend Schlaf und eine gute Ernährung sind sowas wie die Basics - aber viele kleine Dinge können Deinen Tag gut oder besser machen: Lieblingsmusik hören, Kochen, in die Natur rausgehen, Häkeln, ein bestimmtes Spiel zocken oder auch mal gar nichts tun. Probier aus, was Dich wirklich entspannt. Manchen Menschen hilft es, ihre Gedanken aufzuschreiben, andere meditieren oder machen Atemübungen.
Praxistipp: Wenn Du auf der Durchreise 24/7 in einem Betrieb oder Club bist, geh zwischendurch gezielt nach draußen, um Sonnenlicht zu tanken und andere Eindrücke zu bekommen. Falls Du mehrere Tage am Stück Vollgas arbeitest, achte besonders auf echte Ruhe-Pausen und darauf, Dir und Deinem Körper nach der Arbeit was Gutes zu tun. Wenn Du merkst es geht eigentlich nicht mehr, lass lieber was ausfallen anstatt Dich zu quälen. Dein zukünftiges Ich wird Dir dankbar sein!
Vorurteile gegenüber dem Job oder gegenüber Dir, weil Du „sowas“ machst, können ganz schön weh tun. Schlimmstenfalls wird wenn man gegen seinen Willen geoutet und muss sich auch noch rechtfertigen. Das Stigma gegen Sex und Sexkauf in unser Gesellschaft und das Problem ein Doppelleben führen zu müssen, beschäftigt viele von uns. Achte deshalb besonders darauf, wie Du SELBST mit Dir sprichst. Wenn sich negative Gedanken einschleichen („Ich sollte mich schämen“, „Ich bin weniger wert“ etc.), reagiere innerlich auf Dich selbst, als würdest Du mit einer lieben Freundin sprechen: freundlich, aufbauend und vor allem fürsorglich! Und was andere Leute angeht: Du hast das Recht darauf, als erwachsener Mensch respektiert und geachtet zu werden - egal ob anderen Dein Job in den Kram passt oder nicht. Entferne Menschen, die diese Basis menschlichen Miteinanders nicht verstanden haben, so gut es geht aus Deinem Umfeld.
Praxistipp: Viele Kolleg*innen arbeiten zu häufig, oder zu lange am Stück, oder wahren ihre Grenzen nicht ausreichend, oder haben so anstrengende Kunden, dass sie sich nach geschafften Terminen erstmal „entschädigen“ bzw. belohnen wollen. Dank einem Haufen Bargeld in der Tasche kommt es dann leider oft zu einer dysfunktionalen Form der „Selbstfürsorge“, die in der Branche mega verbreitet ist: Man kauft viel zu teures Zeug für sich oder andere. Denk dran: Echte Selbstfürsorge macht Dich nicht chronisch pleite, sondern erhöht langfristig Deine Lebens- und Arbeitsqualität! Falls Du immer das Gefühl hast, dich nach der Arbeit „entschädigen“ zu müssen, lohnt es sich einen Blick darauf zu werfen, was Du anbietest, welche Kundschaft Du derzeit anziehst, wie Du Deine Grenzen kommunizierst, oder ob es berufliche Alternativen für Dich gibt.
Wenn Selbstfürsorge allein nicht reicht und es irgendwie geht: Hol Dir Unterstützung. Psychische Gesundheit ist nicht selbstverständlich und die allermeisten Menschen profitieren davon, sich bei Problemen professionellen Beistand zu suchen. Gerade wenn man denkt, es geht nichts mehr, ist sich Hilfe zu holen nichts, weshalb man sich schämen muss - ganz im Gegenteil. Es ist mutig und zeigt Willenskraft
Auf der Plattform Roter Stöckelschuh findest Du Dienstleister, darunter auch Therapeut*innen, mit denen andere Sexworker schon gute Erfahrungen gemacht haben.
Hier findest Du eine Auflistung von spezialisierten Beratungsstellen in allen Bundesländern, die Dir weiterhelfen und Dich auch weiterverweisen können. Auch die Telefonseelsorge kann ein guter erster Anlaufpunkt sein, vor allem wenn Du ein akutes Problem hast. Die Nummer ist kostenfrei erreichbar und Du kannst alternativ zu einem Telefonat auch per Mail schreiben oder live chatten.
Nutze diese Angebote, sie stehen Dir genauso zu wie allen anderen!
Wenn Du Lust hast, Dich mit anderen Sexarbeiter*innen zu vernetzen: Der BesD e.V. organisiert Stammtische, Telegramgruppen, Austauschrunden und Workshops von Sexworkern für Sexworker. Hier liest Du mehr.
Was hilft DIR zwischen Kundschaft und Privatleben emotional im Gleichgewicht zu bleiben? Erzähl es uns im Kommentarbereich oder persönlich beim nächsten Stammtisch!
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